Montag 24.12.07, 11:00 Uhr
Freie Uni zieht Jahresbilanz:

“Ein Weg weg von Demokratie und Chancengleichheit”

Auf ihrer Webseite schreibt die Freie Uni Bochum: »„Studiengebühren verbessern die Lehre, die Studierenden bekommen dadurch einen Kundenstatus verliehen, der ihnen viel mehr Rechte einbringt, und durch das Kreditsystem kann das alles auch sozial abgefedert werden!“ Mit solchen und ähnlichen Absurditäten hat das Rektorat der Ruhr-Universität Bochum aktionstag.gif(RUB) in der Vergangenheit versucht, seinen Studierenden die Einführung allgemeiner Studiengebühren schmackhaft zu machen. Neuerdings kommt noch das stolze Bekenntnis hinzu, dass die RUB es nicht nötig habe, die Verantwortung für ihre Finanzierung an die Landesregierung abzuschieben, sondern ihre absolute Selbstständigkeit und – natürlich – ihre Elitetauglichkeit unter Beweis stellen wolle. „Das ist Unsinn“, findet Annika Klüh von der Freien Uni Bochum (FUB). Denn die Bilanz für das Jahr 2007 sieht alles andere als rosig aus: Die für die Begehung der Exzellenzkommission neu eingesetzten Bodenplatten sind längst wieder eingebrochen und wurden nun, da wieder die Normalsterblichen darauf wandeln, auch in ihrem gebrochenen Zustand belassen. Die Uni ist sanierungsbedürftig wie eh und je, die Hörsäle vermögen die Teilnehmermengen nicht zu fassen, es gibt zu viele Studierende für zu wenige Lehrende. Der Zeitdruck und die qualitative Beschränktheit des Bachelor-Master-Systems tun ihr Übriges, um die Studienbedingungen zu verschlechtern.
Dabei fließen seit dem Sommersemester 2007 Gebühren aus den privaten Taschen der StudentInnen an die Uni. Wer nicht in den Genuss einer Befreiung gekommen ist, musste insgesamt bereits 1000 Euro berappen. Was passiert also mit dem Geld?
„Die Gebühren werden zu einem Drittel vom Rektorat einbehalten, zu zwei Dritteln an die Fakultäten weitergereicht“, erklärt Klüh. „Über die Verwendung wird teilweise in den Fakultätsräten entschieden, teilweise direkt in den einzelnen Instituten.“ Studentische Mitbestimmung bei der Entscheidung, wofür die Gelder dann konkret verwendet werden, gebe es häufig nur auf dem Papier. Es dürfe nichts ausgegeben werden, ohne dass die studentischen VertreterInnen in den Fachschafts- und Fakultätsräten zustimmen, aber diese würden meist kurzfristig mit Anfragen überrumpelt oder unter Druck gesetzt: „Die Leitungen an den Instituten bestehen zuerst darauf, dass jeder Fachschaftsrat einen Ansprechpartner für Gebührenfragen zur Verfügung stellt. Der wird dann einzeln irgendwo abgefangen, mit irgendeinem Vorschlag überfallen und gebeten, sofort und ohne Rücksprache mit dem Fachschaftsplenum seinen Segen zu geben, weil man angeblich auf der Stelle eine Antwort brauche.“ Wer nicht im Sinne der Profs spurt, werde auch schon mal daran erinnert, dass den Fachschaftsräten jederzeit ihre Befreiung weggenommen werden könne, wenn sie sich nicht in den Dienst der Fakultät stellen.
Denn so viel bleibt immerhin gesetzlich gewährleistet: Mitarbeit in der universitären Selbstverwaltung darf niemandem zum Nachteil gereichen. Deshalb sind alle, die sich in Fachschaftsräten, Senat, Studierendenparlament oder AStA engagieren, von der Zahlung der verhassten Gebühren befreit – ein mit viel zusätzlicher Arbeit und Stress erkauftes Privileg, das manches Institut gern für kleine Erpressungsversuche nutzt. „Das allein ist schon ein Skandal“, so Uli Schröder (FUB). Aber es kommt noch besser: Trotz aller Versuche, der Einführung von Studiengebühren einen Sinn zu geben, haben sich bei vielen Fakultäten fünfstellige Beträge angesammelt, die nicht ausgegeben werden. Das liegt an der strengen Auflage, die Gebühren nur zur Verbesserung der Lehre einzusetzen. Die ersten Ansätze waren klassisch: Es wurden mehr Beratungsprogramme eingerichtet und Bücher für die Bibliotheken angeschafft. Die im Januar geräumte Freie Uni Bochum, ansässig im Querforum West, wurde gar in ein „Tutorienzentrum“ umgewidmet. Damit waren ein paar sichtbare, wenn auch nur teilweise sinnvolle Schritte zur Verbesserung der Lehre getan, für die man keine Studiengebühren gebraucht hätte. Und so mehren sich nun die Vorstöße, die rasch gebildeten Ersparnisse in bauliche Maßnahmen zu investieren. „Elmar Weiler hat die Stirn, in seiner Hauspresse RUBENS für das Entfernen befestigter Sitzreihen in den Übungsräumen zu werben“, kritisiert Schröder. „Weil die Bedeutung der Bestuhlung für die Konzentration im Seminar nicht zu unterschätzen sei. So will er zur Verbesserung der Lehre beitragen.“
Die Aktiven der Freien Uni Bochum sind sich einig: Das größte Problem bei der Lehre ist einfach, dass es zu wenige Lehrende und damit ein zu kleines Kursangebot gibt. Das Einkommen der Studierenden kann unter keinen Umständen ausreichen, um dieses Defizit zu beheben – selbst wenn es in Ordnung wäre, dass junge Menschen für ihre Arbeit bezahlen müssen. Denn hier geht es um Kräfte, die das Land einzustellen hat, und um das bewusste Einsparen von Arbeitsplätzen im Bildungssektor.
„Auch das zeichnet sich schon lange ab, und die Freie Uni hat immer wieder darauf hingewiesen“, sagt Katharina Teiting, die ebenfalls zu den Aktiven der FUB gehört. „Bei der ersten Lesung des sogenannten Hochschulfreiheitsgesetzes letztes Jahr war noch die Rede davon, dass man eine Uni bei Zahlungsunfähigkeit komplett schließen könne. Das ist natürlich unrealistisch und so nicht durchgekommen. Aber bei jeder Uni ein Stück kürzen, das fällt nicht auf.“ Wie das konkret aussieht, kann man im Moment an der Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR) erkennen. Bei dieser Fusion, die offziell keine ist, werden ganz allmählich Fachbereiche aus den Städten Dortmund, Bochum und Duisburg-Essen zusammengelegt. Die Unileitungen haben durch eine gemeinsame Vertragsunterzeichnung angekündigt, dass sie in Zukunft enger zusammenarbeiten wollen. Nun sind sie auf der Suche nach einem gemeinsamen Logo. „Erst wurden die Unis Duisburg und Essen fusioniert, dann in Bochum Unsummen in eine sinnlose Beteiligung an der Exzelleninitiative gepumpt, und schließlich hat die Uni Dortmund angefangen, an ihrem Profil als Technische Universität zu arbeiten“, so Teiting weiter. „Worauf das hinauslaufen soll, ist offensichtlich.“
Die Bedenken hinsichtlich einer Fusion sind rasch aufgezählt: Studierende können ihre Uni-Stadt nicht mehr frei wählen oder müssten verschiedene Fächer in verschiedenen Städten studieren – schwierig, wenn man um viertel nach zehn eine Vorlesung in Dortmund hat und um viertel nach zwölf die nächste in Duisburg. Bei einer Fusion werden fast grundsätzlich Studiengänge abgewickelt, wie zum Beispiel jüngst die Skandinavistik in Bochum. Wenn in der Verwaltung Stellen eingespart werden, dann bedeutet dies erstens, dass mal wieder einige Menschen ihre Arbeit verlieren, und zweitens mehr Scherereien für die Verbliebenen. „Aber statt endlich das Land in die Verantwortung zu nehmen und sich für ein solides, gerechtes Bildungssystem einzusetzen, prahlt unser Rektor mit seinem Fotofinish im Exzellenzwettbewerb und ist offenbar ausschließlich an einer scheinbar gelungenen Selbstdarstellung interessiert“, sagt Katharina Teiting abschließend. „So kann das einfach nicht weitergehen.“«

 
 
 
 


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